Der zerbrochene Krug — eine Inszenierung vom THEATERmobileSPIELE

improvisierte Bühne im Klassenraum, 2 Schauspieler neben 4 "Puupen", vielen Aktenordnern, ein roter Faden, der kreuz und quer über die Bühne gespannt ist. im Vordergrund die Zuschauer, Schüler, die uns den Rücken zuwenden.
Bühne mit vielen Aktenordnern, Schauspielerin und Schauspieler im Dialog zum Stück "Der zebrochene Krug"

Wie aktuell kann ein über zweihundert Jahre altes Drama sein? Die Inszenierung vom THEATERmobileSPIELE des Lustspiels „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist, welche an unserer Schule stattfand, zeigte uns am 10. März, wie relevant der Klassiker noch heute ist.

Das Drama von Heinrich von Kleist dreht sich um einen Gerichtsprozess, in dem nicht nur ein Krug, sondern zugleich auch die Ehre der jungen Eve zerbrochen ist. Ausgerechnet am Tag dieser Verhandlung erscheint zudem der Gerichtsrat Walter im Dorf, um die Gerichtskasse zu prüfen und zu kontrollieren, ob im Gericht alles mit rechten Dingen zugeht. Dies kommt dem Gerichtsschreiber Licht, der schon seit Längerem den Posten des Dorfrichters Adam anstrebt, sehr gelegen. Im Verlauf der Verhandlung wird schließlich immer deutlicher, dass ausgerechnet der lächerlich dargestellte Dorfrichter Adam selbst den Krug zerbrochen hat, als er versuchte, Eve zu erpressen und sexuell zu nötigen.

Für die Inszenierung entschied sich das THEATERmobileSPIELE, weitgehend beim Originaltext zu bleiben und das Drama lediglich zu kürzen sowie einzelne Elemente hinzuzufügen. Für uns Deutsch-Lkler hatte dies den großen Vorteil, dass wir den sprachlich veralteten und teils sehr abstrakten Text durch die Verkörperung mit starken Emotionen viel besser verstehen konnten. Stellen, die wir im Unterricht mehrere Schulstunden lang analysiert hatten, wurden anschaulich und plötzlich ganz selbsterklärend.

Besonders auffällig war die symbolische Szenographie: Die Bühne bestand aus gestapelten und präzise angeordneten Aktenordnern, die einerseits Adams Chaos symbolisierten, andererseits als clevere Verstecke für Requisiten umfunktioniert werden konnten. Hinter diesen versteckten sich unter anderem vier puppenartige Figuren, die die Kläger und Ankläger (Marthe, Eve, Ruprecht und Veit) darstellen sollten. Die mit Aktenschrift überzogenen Gestelle wirkten weniger wie echte, ernstzunehmende Personen, sondern viel eher wie ein nebensächlicher Teil des Systems. Zusätzlich wurden Walter und Licht als Frauen dargestellt, was zwar daran lag, dass das Stück von nur einem Mann und einer Frau gespielt wurde, allerdings laut diesen auch dafür sorgen sollte, dass das Thema der Machtverhältnisse stärker in den Fokus rückt, während der Richter Adam von damals stark benachteiligten Frauen gepeinigt wird.

Zwei Elemente des Stücks sind bei uns im Kurs besonders hängengeblieben: Zum einen wurde der exzessive Alkoholkonsum Adams besonders hervorgehoben mit Shots, dem Exen von ganzen Flaschen und einer Polonaise zum Kult-Song „Griechischer Wein“. Dadurch schaffte es das THEATERmobileSPIELE, die Intension des Lustspiels in der heutigen Zeit wiederherzustellen: Kleists Drama war zur Systemkritik, aber auch zur Belustigung des Publikums geschrieben. Der Humor von damals gleicht allerdings kaum dem von heute, weshalb die Regie mit dieser Übertreibung dafür sorgte, dass auch das Publikum des 21. Jahrhunderts den Humor im Stück wiedererkennt.

Zum anderen befestigte Adam im letzten Drittel des Stücks immer wieder einen roten Faden quer durch das Bühnenbild, bis dieses vollständig davon durchzogen war – und er sich selbst darin verhedderte. Die Schauspieler erklärten anschließend dazu: „Der Faden ist alles, was der Zuschauer in diesem interpretieren möchte“. Ob es also Adams Lenkung des Prozesses ist, die von ihm ablenken soll, aber doch zu ihm zurück führt, oder die Spur im Schnee, welche Frau Brigitte findet, oder etwas ganz anderes: Die Inszenierung soll den Zuschauer anregen, selbst nachzudenken und das Stück auch auf die heutige Zeit zu übertragen.

Auch wenn es schade war, dass die Inszenierung nicht die volle Emotion des originalen Prozesses einfangen konnte, da die Kläger und Ankläger nunmal leblose Puppen waren, war der Auftritt für die Abiturienten meiner Meinung nach sehr wertvoll. Es war nicht nur eine lustige, interessante und ein bisschen skurrile Aufführung, sondern hat auch sehr zum Nachdenken angeregt: Warum war es so seltsam, Licht und Walter als Frau zu sehen? Wie hat sich der Machtmissbrauch von damals in der Gegenwart verändert? Und sind wir auch heutzutage vorm Gericht nur belanglose Nummern, keine echten Menschen? All diese Fragen sind sehr komplex und zeigen, wie aktuell Kleists Drama auch zweihundert Jahre später ist. Auch wenn viele von uns an der Lektüre sicher schon zeitweise verzweifelt sind, hat uns die Inszenierung gezeigt, wie aktuell und verständlich Kleists Drama auf der Bühne werden kann.

(Text: Zita Link, Klasse 12 / Bildquelle: Isabella Scharfe)