Die Familienhebamme Sabine Klarck berichtet von ihrer Arbeit mit Suchtkranken

Im Rahmen der Suchtpräventionswoche „Gemeinsam gegen Sucht" am Gymnasium Karlsbad kam am 20.06.2012 die Hebamme und Familienhebamme Sabine Klarck in den katholischen Religionsunterricht der Klasse 10.

Frau Klarck, die in England aufwuchs und eine Doktorarbeit in Biologie schrieb, arbeitete zunächst auch im Labor und hatte dort den ersten Kontakt zu dem Thema Schwangerschaft, Säuglinge und Drogen. Sie arbeitete auch als Hebamme in der Schwangerenambulanz für Drogenabhängige und dadurch auch als Streetworkerin im Drogenmilieu von London. Die Ausbildung zur Familienhebamme machte sie dann in Deutschland. Es passt zu ihrer bewegten Biografie, dass sie selbst Mutter von acht Kindern ist.

babys-und-familieAls Familienhebamme unterstützt Frau Klarck (werdende) Eltern, wenn gesundheitliche Probleme oder schwierige Lebensumstände es erschweren, sich angemessen auf Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Kind vorzubereiten. Neben der Suchtproblematik, die bei unserem Gespräch mit Frau Klarck im Vordergrund stand, sind eine sehr junge Elternschaft, Alleine-Sein mit dem Baby, Herkunft aus einem anderen Land oder nicht ausreichende Information über mögliche Hilfen Ursachen dafür, dass eine Familienhebamme vom Jugendamt beauftrag wird.

Frau Klarck wird in ihrer Arbeit mit Grenzsituationen des Leids, der Perspektivenlosigkeit und Menschlichkeit konfrontiert. Wenige Tage vor ihrem Besuch an unserer Schule verstarb ein junger Mann, der das erste „Drogenbaby" war, das sie als Familienhebamme betreute, an Drogenmissbrauch. Der Tod dieses Mannes machte sie sehr betroffen, zumal sie seinen Werdegang über die Jahre hinweg immer im Auge behielt. Frau Klarck besuchte auch Frauen, die bis ca. acht Wochen vor der Geburt ihrer Kinder noch Heroin spritzten.

„Drogenbabys", also Kinder, die bereits im Mutterleib über die Placenta durch den Konsum der Mutter Drogen wie Heroin, Crack oder moderne Designerdrogen aufgenommen haben, machen nach ihrer Geburt einen knallharten Entzug durch. Zittern, Verkrampfungen, Verdauungsstörungen u.a. gehören zu den Entzugserscheinungen. Für Erwachsene ist ein derart harter Entzug nicht vorstellbar, da diese sich wehren würden. Auch die Tatsache, dass Neugeborenen die Möglichkeit des „psychischen Verdauens" durch Träumen noch nicht gegeben ist, macht den Entzug für sie noch härter. Neugeborene, die einen harten Entzug jedoch nicht durchstehen würden, erhalten medikamentöse Begleitung. Wenn die Babys die Wochen und Monate des stofflichen Entzugs durchgestanden haben, können ihnen noch Schädigungen des Gehirns und veränderte Verhaltensstrukturen bleiben, die sie lebenslang beeinflussen. Frau Klarck erwähnte, dass „Drogenkinder" eine oft geringere Frustrationstoleranz hätten und auffallend ungeduldig seien.

Zum Thema Alkohol und Zigaretten in der Schwangerschaft bemerkte die Biologin und Familienhebamme, dass bereits ein Vollrausch der Schwangeren zu Gehirnschäden beim Kind führen könne. Unbedenklich sei dagegen der Konsum von Alkohol in den ersten drei Wochen der Schwangerschaft. Den Neugeborenen von Alkoholikerinnen dagegen stehen sehr harte erste Lebenswochen bevor. Diese Babys schreien laut und schrill. Sie sind am ganzen Körper verkrampft und krümmen sich um ihre an die Brust gepressten Arme. Manchmal stellt man bei diesen Kindern später auch Biegefrakturen fest, weil die Eltern die Armverkrampfungen lösen wollten, was nur mit starker Gewalteinwirkung zu bewerkstelligen ist. In der Klinik werden die Neugeborenen von Alkoholikerinnen eng eingewickelt und bekommen einen Schnuller, da sie, wie alle Babys mit Entzugserscheinungen, ständig saugen wollen. Es ist wichtig, dass Schwangere ihre Sucht ansprechen, da nur dann die Entzugserscheinungen des Neugeborenen richtig eingeschätzt werden können und dem Kind in der Klinik schnell und angemessen geholfen werden kann. Scham und gesellschaftliche Stigmatisierung führen jedoch oft auch bei schwangeren Drogenkonsumentinnen dazu, ihre Sucht zu verheimlichen.

Frau Klarck berichtete von einer Raucherin, die 40 Zigaretten am Tag rauchte und drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin das Rauchen von heute auf morgen aufhörte. Daraufhin bekam das Kind im Mutterleib als Entzugserscheinung starke Pulsschwankungen, die Frau Klarck jedoch nicht richtig einschätzen konnte, da die Mutter ihr nicht sagte, dass sie nicht mehr rauche. Ansonsten hätte sie ihr empfohlen, nicht so plötzlich mit dem Rauchen aufzuhören. So aber musste das Kind u.a. wegen drohendem Herzflimmern schnell durch Kaiserschnitt geholt werden. Neugeborene von Raucherinnen haben allgemein einen erhöhten Puls und eine Trinkschwäche. Sie kreischen viel, schlafen schlecht, sind blass und zittrig. Schwangere sollten möglichst ab Beginn der Schwangerschaft aufhören zu rauchen, um ihre Kinder nicht zu schädigen. Frau Klarck erwähnte jedoch, dass viele Frauen das Rauchen wegen Übelkeit in der Schwangerschaft aufhören und leider oft nach der Geburt des Kindes wieder damit anfangen würden.

Da die Babys von Drogenabhängigen besonders viel Zuwendung brauchen, die Eltern aber aufgrund ihrer Sucht oder eines Entzugs dazu nicht in der Lage sind, kommen diese Kinder aus der Klinik oft nicht nach Hause zu ihren Eltern, sondern werden vom Jugendamt direkt zu einer Pflegefamilie oder, wenn eine solche nicht zur Verfügung steht, in ein Kinderheim gebracht. Allerdings wollen viele Pflegefamilien keine „Risikokinder", zu denen die Kinder von Drogenabhängigen gezählt werden. Frau Klarck bemerkte, dass suchtkranke Menschen oft auch an Wahrnehmungsstörungen leiden und in zugemüllten Wohnungen leben würden, was auch dazu führen könne, dass das Sorgerecht per Gerichtsbeschluss an das Jugendamt falle und die Kinder einem Heim oder einer „endgültigen Pflegefamilie" zugewiesen würden, wo die leibliche Mutter das Kind evtl. einmal pro Woche für zwei Stunden besuchen dürfe.

Die Schüler lauschten den Erzählungen und Informationen von Frau Klarck sehr aufmerksam und wollten schließlich von ihr wissen, wie sie denn selbst mit Alkohol und Zigaretten umgehe. Frau Klarck antwortete, dass keines ihrer acht Kinder zuhause rauche und sie auf ihrem Grund und Boden auch keine Zigaretten dulde – auch nicht von Gästen auf dem Balkon. Diese würde sie zum Spazierengehen in den Wald schicken, sofern sie das Rauchen nicht lassen könnten. In puncto Alkohol versuche sie etwa durch das Trinkverbot von Alkohol zum Essen in ihrem Haus deutlich zu machen, dass Alkohol kein normales Getränk sei, sondern lediglich als Genussmittel etwa an besonderen Abenden seinen Platz habe.

Jörg Sekler