Im Deutschunterricht der Klasse 9d haben wir uns mit barocken als auch modernen Liebesgedichten beschäftigt: gelesen, gesprochen, analysiert und auch selbst gedichtet. Ein Beispiel von einer ganzen Reihe an gelungenen Ergebnissen ist das „Liebeslied 2021“ von Leo Reichert.

Vorlage war ein expressionistisches Gedicht von Else Lasker-Schüler „Ein Liebeslied“ (1943), das in ausdrucksstarken Bilden bzw. Metaphern die starke Sehnsucht nach dem lyrischen Du zum Inhalt hat. Ähnlich sehnsüchtig ist auch Leos Gedicht. Hier haben lyrisches Ich und Du aber tagesaktuelle Hindernisse zu überwinden.

Gabriela Kneiding

Hier ist das Gedicht von Leo Reichert:

Ein Liebeslied (2021)

Komm zu mir in der Nacht – aber mit 1,50 Abstandsforderungen.
Müde bin ich sehr, vom Masketragen.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Konnt’ nicht raus, hab mit der Ausgangssperr’ gerungen.

Es öffnen Blumen sich in meinem Garten,
Weil ich seit Jahren wieder Zeit hab‘, den zu warten.

Komm zu mir vor der Nacht auf Siebensternenschuhen,
In Liebe eingehüllt früh in mein Haus.
Ermüdet von der Pandemie wir ruhen.

Wir wollen wie in der Quarantäne gar nichts tun.
Denn nur so kommt man an das Ende dieses Gaus.

Leo Reichert, Klasse 9d (2021)

Und hier ist das Original von Else Lasker-Schüler:

Ein Liebeslied (1943)

Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen eng verschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
und färben sich mit deiner Augen Immortellen ...

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
In Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Else Lasker-Schüler (1943)